In Zeiten von ADHS besuchen immer mehr Jungen die Selbstbehauptungskurse vom Verein „mannigfaltig“. Ein Besuch in der Bürgerschule in der Nordstadt.

Nordstadt. Niklas (Name von der Redaktion geändert) mag Wettkämpfe. Vor allem solche, bei denen er sicher gewinnt. „Lass uns Spagatmachen spielen“, schlägt er vor. Denn er weiß, dass er das gut kann. Oder: „Lass uns spielen, wer die meisten Fischarten kennt.“ Auch bei Fischen weiß Niklas gut Bescheid. Mitspieler findet er keine. Die anderen Jungen wissen, dass sie keine Chance hätten.

Christoph Grote kennt diesen Kampf der Jungen. Dieses Hin- und Hergerissensein zwischen Konkurrenzdenken, dem Drang, zu gewinnen auf der einen Seite und dem Wunsch nach Kooperation und Austausch auf der anderen. Schon in den achtziger Jahren hat Grote sich in der Jungen- und Männerarbeit engagiert. Vor 15 Jahren gründete der Religionspädagoge den Verein „mannigfaltig“. Immer war es sein Ziel zu zeigen, dass Mannsein mehr bedeutet als zielstrebig, bestimmt und forsch aufzutreten, dass auch Empathievermögen, Fürsorglichkeit und Verantwortungsbewusstsein männliche Eigenschaften sein können. „Jungen müssen nicht alles können und in allem gut sein“, sagt er. „Es sollte einen Raum geben, in dem sie Fehler eingestehen können.“

Im Selbstbehauptungskurs für acht- und neunjährige Jungen, den der Verein in unregelmäßigen Abständen in der Bürgerschule in der Nordstadt anbietet, sollen auch Niklas und die anderen Jungen das lernen. Noch ist Niklas aber nicht so weit. Er ist unzufrieden und frustriert, weil niemand an seinem Wettkampf teilnehmen will. Offenbar, so schätzt der Pädagoge die Lage ein, gelingt es ihm nicht, zwei einander widerstrebende Bedürfnisse miteinander zu vereinen – den Drang, zu gewinnen und den Wunsch, einen Spielpartner zu finden. Christoph Grote hakt bei Niklas nach: „Warum willst du ausgerechnet einen Wettbewerb im Fischeraten machen?“, fragt er. Niklas setzt ein verschmitztes Lächeln auf, bleibt eine Antwort aber schuldig.

In Grotes Kursen, Workshops und Beratungen sind es häufig Alltäglichkeiten, die er mit den Jungen bespricht. Es geht darum, warum sie sich gegenseitig nicht berühren wollen, warum sie Omas Küsschen ablehnen und warum sie Schwierigkeiten haben, sich in neue Gruppen einzufinden. In diesen Gesprächen will Grote den Jungen immer auch Vorbild sein. Er will zeigen, wie Mannsein fern aller Rollenklischees funktionieren kann. „Ich versuche eine Persönlichkeit vorzuleben, die nicht auf Kosten von anderen lebt“, sagt er.

Die Jungen kommen aus den unterschiedlichsten Gründen in die Bürgerschule in die Nordstadt. „Ich bin hier, weil ich lernen soll, mich mit Worten zu wehren“, sagt einer. „Ich bin hier, weil ich viel Aufmerksamkeit brauche“, sagt ein anderer. Diesen Satz hört Grote seit einigen Jahren immer häufiger.

Viele Eltern schicken ihre Jungen in die Kurse, weil bei ihnen ADHS – das Aufmerksamkeitsdefizit-und Hyperaktivitätssyndrom – diagnostiziert wurde. Einige nehmen Ritalin ein. Es ist das am weitesten verbreitete Medikament bei ADHS. Und der Bedarf wird immer größer. Allein seit 2004 hat sich der Verbrauch von Methylphenidat in Deutschland nahezu verdoppelt: von 902 Kilogramm auf 1791 Kilogramm im Jahr 2011. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts leiden in Deutschland mittlerweile rund 600.000 Kinder an der Aufmerksamkeitsstörung.

Der Pädagoge Christoph Grote blickt skeptisch auf solche Entwicklungen. „Viele der ADHS-Diagnosen halten der Realität nicht stand“, sagt er. „Manche Jungen passen zwar nicht in das soziale Gefüge. Das heißt aber nicht, dass sich die Jungen ändern müssen, vielleicht sind es auch die Strukturen.“ Grote jedenfalls setzt auf die Kraft der Worte. „Es kann keine Lösung sein, Kinder mit Ritalin ruhig zu stellen.“

In der Bürgerschule in der Nordstadt scheint Niklas, die Idee mit dem Wettbewerb im Fischeraten oder Spagatmachen vergessen zu haben. Er spielt nun mit den anderen Kindern Luftballon-oben-halten. Ein Spiel, das der Pädagoge besonders schätzt. Schließlich geht es dabei eher um Kooperation als um Konkurrenz.

Niklas jedenfalls zeigt Einsatz: Er hechtet dem Luftballon hinterher und will verhindern, dass er zu Boden fällt. Bei seinem Sprung reißt er allerdings einen anderen Jungen zu Boden. Dieser fängt an zu weinen, hält sich den Rücken und stürmt hinaus auf den Flur. Christoph Grote und sein Kollege sind sofort zur Stelle. Jetzt können sie den Jungen etwas beibringen über soziales Miteinander. Sie besprechen den Vorfall. Schließlich will Niklas sich entschuldigen. Und der andere fühlt sich in der Lage die Entschuldigung anzunehmen. Das Spiel geht weiter. „Die Jungen dürfen nicht aus der Verantwortung entlassen werden“, sagt Pädagoge Grote. „Es reicht nicht zu sagen, dass Jungen eben manchmal so sind – übermütig eben.“

Stefanie Nickel

Der Artikel ist in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung erschienen:

http://www.haz.de/Hannover/Aus-den-Stadtteilen/Nord/Jungen-lernen-Selbstbehauptung

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